Von M√§usen, Ratten und Menschen …

Gastartikel von Viktor Meissner

Farbratten Facebook Gruppe
Farbratte Fipsi

… erinnert zwar vom Titel her an die Geschichte von John Steinbeck, hat aber einen ganz anderen Inhalt. Begonnen hat alles ganz zuf√§llig und eher ungewollt. Bei uns wohnt Lilli; Lilli ist eine auf die Bed√ľrfnisse des Menschen gez√ľchtete Unterart (Rattus norvegicus forma domestica) der Wanderratten (Rattus norvegicus) und geh√∂rt seit Januar 2016 zur Familie. Sie ist aber nicht die Erste und hat eine Reihe von ¬ĽVorfahren¬ę.

Wie alles begann

Im Sp√§therbst des Jahres 2010 rief mich meine Frau im B√ľro an und erz√§hlte, wir h√§tten jetzt eine wei√üe Maus. Zuerst dachte ich, sie spinnt und will mich auf den Arm nehmen – kl√§rte mich dann aber schnell auf: Unsere Tochter entdeckte eine kleine wei√üe Maus am Fressnapf auf der Terrasse, der dort eigentlich f√ľr die Katzen und im Garten lebenden Igel gedacht war.

Es war klar, dass das Tier irgendwo entlaufen war und allein bestimmt nicht in der freien Natur √ľberleben w√ľrde; so nahmen wir sie auf. Fipsi, wie meine Frau sie taufte, bekam einen K√§fig mit Nagerhaus, Kletterspielzeug und allem was eine Maus so braucht. Da sie zahm war, lie√üen wir sie auch unter Aufsicht im Esszimmer herumlaufen. Besonderen Spa√ü hatte sie auf dem Tisch, wo alles untersucht, in alles hineingekrochen wurde und auch manches H√§ppchen nach den Mahlzeiten f√ľr sie abfiel. Ob sie sich dabei immer so gesund ern√§hrte, sei mal dahin gestellt, jedenfalls schmeckte es ihr.

Fipsi liebte es auch sehr, in √Ąrmel zu kriechen um dort herumzutoben, was dem Tr√§ger oder die Tr√§gerin der Jacke Kitzelanf√§lle spendierte und man M√ľhe hatte, sie wieder heraus zu holen. Als Fipsi, √ľbrigens ein kleiner M√§userich, starb, hinterlie√ü er, so klein er gewesen war, eine betr√§chtliche L√ľcke und eine traurige Familie.

Fipsi Farbratte


Freundschaften zwischen Ratten und Katzen

Wir lebten etwa 7 oder 8 Monate ¬Ľnagetierfrei¬ę, als eines Tages Anfang Dezember 2011 ganz unvermutet wieder ein fremder Gast am Futternapf auftauchte, um einiges gr√∂√üer, schwerer, mit schwarzer Kapuze, schwarzem Strich auf dem R√ľcken, wei√üem Leib und langem rosafarbenem Schwanz – eine Zuchtform der wilden Wanderratte und wieder war es unsere Tochter, die sie fand und ins Haus holte.

Uns kam der Gedanke, dass hier vielleicht irgendwo in der Nachbarschaft ein Schlangenliebhaber seinem Hobby nachging und dass die aufgefundenen Tiere entwichenes ¬ĽLebendfutter¬ę sein k√∂nnten. Unsere Recherche ging jedoch ins Leere, wie schon zuvor gab meine Frau dem Tier einen Namen – Linda – und Linda wurde in die Familie aufgenommen. Allerdings waren Neuanschaffungen notwendig.

Fipsis alter K√§fig war viel zu klein, Linda passte auch gar nicht durch das winzige Schlupfloch des M√§useh√§uschens – also ins n√§chste Zoofachgesch√§ft und ¬Ľneues Equipment¬ę gekauft. Es wurde f√ľr uns ein sch√∂nes Weihnachtsfest mit dem neuen Familienmitglied. Mit Linda hatte man schon etwas ¬Ľin der Hand¬ę; sie war wesentlich gr√∂√üer, schwerer, aber genauso zahm und verspielt wie Fipsi es gewesen war.

Linda Farbratte

Auch sie kroch gerne in √Ąrmel, durfte zu festgesetzten Zeiten, genau wie Fipsi, unter Aufsicht im Esszimmer herumlaufen; auch sie bevorzugte den abger√§umten Esstisch als Spielwiese und suchte liebend gern nach essbaren Resten, wobei sie besonders Nachtisch bevorzugte: Birnen, Pudding, Eis … alles ¬Ľungesunde S√ľ√üigkeiten¬ę, aber auch gern mal eine rohe Mohrr√ľbe, eine Gurkenscheibe, ein St√ľck Banane oder Apfel, gekochtes Ei, etwas Salat und anderes ¬ĽGr√ľnzeug¬ę.

Allm√§hlich und nat√ľrlich unter Aufsicht, gew√∂hnten wir unser neues Familienmitglied an die anderen Tiere im Haus, alles Katzen – und siehe da, es klappte. Es ging sogar so weit, dass Katzen und Ratte friedlich aus einem Napf fra√üen. Allerdings war einigen doch nicht so zu trauen und deshalb machten wir immer eine ¬ĽInspektion¬ę des Zimmers, ehe Linda auf ¬ĽFreigang¬ę geschickt wurde. Die Uhrzeiten hatte sie fest im Kopf und pochte geradezu auf ihrem Recht, indem sie im K√§fig un√ľberh√∂rbar ¬ĽRabatz¬ę schlug.

Im Spätherbst bemerkte ich an Lindas Hals eine kleine Geschwulst, die sich leider sehr schnell vergrößerte. Der Tierarzt diagnostizierte Krebs, was wir uns schon selbst gedacht hatten, und wir standen vor der Wahl, sie einschläfern zu lassen oder die weitere Entwicklung abzuwarten. Linda nahm uns die Entscheidung ab und starb, eingekuschelt ins Fell einer unserer Katzen kurz vor Weihnachten 2013.

Linda Farbratte


Lalu setzt sich vehement durch

Wir waren sehr traurig und eingedenk der schönen Weihnachtsfeiern mit unseren verstorbenen Nagetieren wollten wir auch die kurz bevorstehenden Feiertage nicht darauf verzichten und taten etwas, was wir eigentlich nicht wollten Рwir kauften diesmal eine Ratte. Meine Tochter wählte eine wildfarbene mit weißen Beinchen aus und so zog, ganz kurz vor Weihnachten 2013 ein neues Familienmitglied bei uns ein.

Meine Frau gab ihr den Namen Lalu und wir bemerkten sofort, wie klein Ratten als Jungtiere eigentlich sind, was uns zu dem Schluss f√ľhrte, dass Linda schon einige Zeit ¬Ľauf dem Buckel¬ę gehabt haben musste, ehe sie zu uns kam; bei Fipsi hatten wir keinen solchen Anhaltspunkt gehabt, wussten also nicht, wie alt sie eigentlich geworden ist. Lalu gedieh pr√§chtig. Allerdings fra√ü sie nichts anderes als das Trockenfutter ¬ĽRattentraum*¬ę, das sie wohl noch vom Z√ľchter her kannte.

Da sie ganz gut fra√ü und zunahm, hielten die recht teuren T√ľten nie sehr lange und wir versuchten, sie allm√§hlich auf anderes Futter umzustellen, und das gelang ausgerechnet mit den ¬Ľungesunden S√ľ√üspeisen¬ę. Lalu wusste sich innerhalb der ¬Ľtierischen Mitbewohner¬ę selbst sehr gut zu behaupten; wir haben noch Katzen und einen Hund. Der Hund war damals noch klein, etwa 12 Wochen alt, und schnupperte, wie es eben Hundeart ist, neugierig am K√§fig. Pl√∂tzlich h√∂rten wir ein markersch√ľtterndes Winseln und Quietschen – Lalu hatte ihm kr√§ftig in die Nase gebissen. Seitdem hat er Angst vor Ratten.

Lalu Farbratte

Unsere Katzen, kennen keine freilebenden Ratten, da sie keine Freig√§nger sind, aber ihr Instinkt sagte ihnen, dass das etwas zum Spielen sein k√∂nnte – Pustekuchen! Lalu ¬Ľblies ihnen den Marsch¬ę und scheuchte sie. Selbst einer unserer ausgewachsenen Kater, der gerne mal die dunklen Ecken unter dem Bett erkundete, wurde gnadenlos aus Lalus Reich gescheucht: √Ėfter kam es vor, dass er sich leise unter das Bett schlich. Wollten wir ihn da raus haben, brauchten wir blo√ü Lalu loszuschicken: Erst Stille, dann pl√∂tzlich ein lautes Rumoren und der Kater schoss hervor, gefolgt von Lalu mit steil nach hinten erhobenem Schwanz.

Eines Tages kam Lalu von einem ¬ĽFreigang¬ę nicht mehr zur√ľck. Das gesamte Zimmer wurde durchsucht, alle Schr√§nke, die B√ľcherregale – nichts! Da das Fenster zu dem Zeitpunkt offen gestanden hatte, bestand auch die M√∂glichkeit, dass sie eventuell abgest√ľrzt war, also erweiterte sich die Suche in die Hofeinfahrt und die Garage. Rufen n√ľtzte nichts – keine Lalu. Das ging wohl 3 oder 4 Tage so und wir fanden uns tieftraurig mit dem Gedanken ab, sie nicht wieder zu sehen.

Eines Abends h√∂rte ich leise Kratzger√§usche hinter einem der hohen Schr√§nke, die ganz dicht an der Wand stehen und beschloss, ein Loch in die R√ľckwand zu schneiden, um dahinter sehen zu k√∂nnen. Am n√§chsten Tag nach Dienst f√ľhrte ich das Vorhaben aus. Als ich bereits ein walnussgro√ües Loch geschnitten hatte, schaute pl√∂tzlich ein graues spitzes Schn√§uzchen daraus hervor – Lalu! Schnell hatte ich nun das Loch vergr√∂√üert und ¬Ľmein geliebtes Tier¬ę befreit. Abgesehen davon, dass sie etwas D√ľnner geworden war und leichte Anzeichen einer Dehydrierung zeigte, war ihr nichts passiert.

Wir r√§tseln noch heute, wie das Tier es geschafft hatte, auf den glatten hohen Schrank zu klettern. Sie muss dann hinten zwischen Schrank- und Zimmerwand gefallen sein und konnte nicht mehr weg. Ein Loch in der r√ľckw√§rtigen Schrankwand erinnert heut noch an das Abenteuer, das auch anders h√§tte ausgehen k√∂nnen. Eines Tages bemerkte ich an der Ratte einen hervorquellenden, mit hellrotem Blut gef√ľllten Augapfel, der sich nach ein paar Tagen wieder normalisierte. Als das Gleiche wieder passierte, stellten wir sie aus Angst, es k√∂nnte ein Tumor sein, in der tier√§rztlichen Hochschule in Hannover vor.

Wir mussten sie f√ľr eine Nacht dort lassen, wussten sie aber in guten H√§nden. Am anderen Tag dann die erl√∂sende Nachricht: kein Tumor! Allerdings war sie von nun an auf dem einen Auge blind. Man erwog zwar die M√∂glichkeit, den Augapfel zu entfernen, riet aber in Anbetracht des fortgeschrittenen Alters – sie war da bereits 2 ¬Ĺ Jahre alt – davon ab. Im Sp√§therbst 2016 merkte man deutlich, dass Lalus Lebensuhr langsam ablief; sie war hinf√§lliger geworden, konnte nicht mehr so klettern und laufen, schlief sehr viel – alles Anzeichen einer alt gewordenen Ratte.

Lalu Farbratte

Sie konnte auch nicht mehr die kleine Leiter im Käfig hochklettern, um an ihr Futter zu gelangen, also quartierte ich sie um und baute ihr eine Kissenhöhle auf einem alten Bett, in der sie fortan lebte. Sie stand eigentlich nur noch zum Fressen und Trinken auf, oder wenn sie Kot absetzen musste. Da sie nun auch inkontinent geworden war, mussten die Einlagen der Kissenhöhle mehrmals am Tag gewechselt werden. Schließlich konnte sie kein Festfutter mehr zu sich nehmen und lebte ausschließlich von ihrem geliebten Joghurt, den sie noch auflecken konnte.

Es stand wieder die Frage der Euthanasie im Raum und wieder nahm uns ein Tier die Entscheidung ab. Ich hatte die letzten Tage im Bett neben ihr geschlafen, um da zu sein, falls was w√§re. Am Vorabend ihres Todes kam sie, wie schon √∂fter, zu mir unter die Decke und kuschelte sich in die Achselh√∂hle – ich h√∂rte sie bisweilen r√∂cheln, kam selbst kaum zum Schlafen und am n√§chsten Morgen war sie tot; es war kurz vor Weihnachten – sie war 3 Jahre und 3 Monate alt geworden, ein f√ľr eine Ratte wirklich hohes Alter – und trotzdem – sie fehlte uns sehr.

Das w√ľrde ein trauriges Fest werden und so war es auch: keiner, der auf dem abger√§umten Tisch die Dekoration durcheinanderbrachte, keiner, der nach essbaren Resten suchte. Die Familie beschloss daher, sich wieder eine Ratte anzuschaffen. Meine Tochter und ich zogen los, aber es waren in den Zoofachgesch√§ften keine zu bekommen, erst im neuen Jahr wieder.


Auch Ratten lieben Gold

Und so kam Mitte Januar 2016 Lilli zu uns. Wir merkten sofort, dass Lilli einen ganz anderen Charakter hat wie ihre Vorg√§ngerinnen; sie war anfangs recht scheu und vorsichtig, was sich erst nach einiger Zeit legte. Auch sie, wie seinerzeit Lalu, muss wohl mit dem Trockenfutter ¬ĽRattentraum¬ę gef√ľttert worden sein, denn die erste Zeit fra√ü sie nichts anderes, egal was man ihr anbot. Wir versuchten es immer wieder und nach der dritten Packung klappte es dann, und wieder, wie seinerzeit auch mit Lalu, mit ¬Ľungesunden S√ľ√üigkeiten¬ę.

Lilli fand auf dem Tisch den Rest einer Cremetorte und seitdem ist der Bann gebrochen. Neben Joghurt nimmt sie auch gerne mal ¬Ľgesunde Kost¬ę zu sich, Gem√ľse, Salate, ab und zu mal eine Nuss, aber auch Fisch, Fleisch und ganz gerne Nudelprodukte. Lilli hat √ľbrigens eine besondere F√§higkeit: Sie liebt Gold und findet es √ľberall, egal wo man es versteckt.

Lilli Farbratte

Darauf gekommen sind wir, als sie eine besondere Vorliebe f√ľr unsere Eheringe zeigte, sie vom Finger ziehen wollte und auch von sonstigem Schmuck, ausschlie√ülich Gold, sehr angetan war. Wir machten dann eine ¬ĽProbe auf‚Äôs Exempel¬ę und versteckten verschiedene Goldsachen – sie fand problemlos alles! Seitdem lassen wir nichts mehr Liegen und falls mal doch etwas verschwindet, finden wir es garantiert in ihrem Versteck im Bettkasten, wo sie noch andere ¬ĽSch√§tze¬ę bunkert, wie Ratten das eben so machen. Trotzdem bleibt Gold ihr Favorit.

Lilli hat auch einen streng strukturierten Tagesablauf. Fr√ľh morgens ist der Fressteller im K√§fig meist leer und dann bekommt sie einen Teel√∂ffel voll Joghurt. Danach hat sie ¬ĽFreilauf¬ę. meist verkriecht sie sich dann und schl√§ft bis Mittag. Danach ist Spielen angesagt, wieder ein Teel√∂ffel Futter und anschlie√üend ¬ĽK√§figruhe¬ę bis zum Abend. Danach kommt sie noch mal raus und will ausgiebig mit einem Kamm √ľberall am K√∂rper gek√§mmt werden. Das genie√üt sie sehr, ist dabei v√∂llig entspannt und macht die Augen zu. Abschlie√üend bekommt sie ihr Futter und dann ¬Ľab in den K√§fig¬ę, wo sie sich auch alsbald in ihre Wohnh√∂hle zur√ľckzieht und einschl√§ft. Diese Ratte ist aber auch ein ¬ĽZerst√∂rer par excellence¬ę, nichts ist vor ihren Z√§hnchen sicher.

Sie hat zwei tiefe L√∂cher in die Hauswand gefressen, Kleidungsst√ľcke werden ¬Ľrattengerecht¬ę zerkleinert und als Nestmaterial missbraucht. Au√üerdem ¬Ľliest¬ę sie gern auf ihre Weise in B√ľchern. Aus dem Grunde sind die teuren und seltenen Werke in einem abgeschlossenen Schrank untergebracht. Das Tier ist in den letzten Monaten etwas ruhiger geworden, wahrscheinlich ein Anzeichen daf√ľr, dass sie in der Lebensmitte angekommen ist. Wir hoffen alle, dass sie uns noch lange erhalten bleibt.

Lilli Farbratte


Ratten haben ganz besondere Fähigkeiten

Noch einmal kurz zu den besonderen ¬ĽGold¬ę-F√§higkeiten von Lilli. Andere Ratten werden darauf trainiert, bestimmte Dinge zu tun. Eine gute Bekannte von mir, die als Wissenschaftlerin in der milit√§rischen Forschung t√§tig ist, erz√§hlte mir am Rande, dass seit einiger Zeit Ratten speziell dazu ausgebildet werden, Unheil in EDV-Anlagen und EDV-gest√ľtzten Feuerleitanlagen f√ľr Raketen und Gesch√ľtze zu treiben, also reine Sabotage.

Sie unterscheiden Niederspannungskabel von anderen, sind darauf trainiert, diese zu zerbei√üen, ebenso Platinen anzunagen, und finden Wege in diese Systeme, an die der Mensch kaum denkt, dabei sind auch d√ľnn Blechplatten kein Hindernis, sie werden durchgenagt. Da es langwierig ist, den Ratten diese F√§higkeiten beizubringen, und sie ja auch nicht so alt werden, hofft man nun, dass sich diese F√§higkeiten irgendwann vererben.

Eine andere Sache ist die, dass Ratten √ľber eine √§u√üerst feine Nase verf√ľgen. Man hat festgestellt, dass die Tiere Krankheiten ihrer Artgenossen durch blo√ües Beschn√ľffeln, meist am After, erkennen k√∂nnen, lange bevor die Krankheit ausbricht. Diese F√§higkeiten will man nun bei Menschen, z.B. bei der Krebs-Fr√ľherkennung einsetzen. Allerdings ist man hier mit den Forschungen noch ganz am Anfang.

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